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13.Januar 1923: Französische Truppen besetzen Bochum

27.08.2010 00:00 von Alfred Kalinowski †

In der Ausgabe der Apothekenzeitung "Apotheke aktuell" der Alpha-Apotheke Bochum, wurden über mehrere Jahre Geschichten von Alfred Kalinowski veröffentlicht. Diese Geschichten hatten immer einen Zeitbezug zu historischen Ereignisssen in Bochum. Auch im Gedenken an Alfred Kalinowski wollen wir, die Alpha-Apotheke Bochum, diese Geschichten aus unserem Archiv heraussuchen und wieder veröffentlichen:


Der 15. Januar 1923 ist ein historischer Meilenstein in der Bochumer Stadtchronik. Dabei ging es an jenem Tag vor 80 Jahren recht abenteuerlich zu, als französische Truppen in die Ruhrstadt einrückten. Der Groll ist längst geschwunden, aber die Erinnerung an jene Besatzungszeit mit Wirtschaftsflaute und Inflation lebt noch in manchem alten Bochumer fort. Der Grund für den Einmarsch war die Nichterfüllung der nach dem ersten Weltkrieg verhängten Reparationsleistungen gegen­über Belgien und Frankreich. Hier ging es vor allem um die Betreibung von Steinkohle und Koks.

Es war ein nasskalter Win­tertag, als eine Vorhut fran­zösischer Kavellerie über die Kortumstraße in den Stadt­kern vorrückte. Der französi­sche General de France er­schien um die Mittagszeit im Rathaus und erklärte dem damaligen Oberbürger­meister Fritz Graff den so­fortigen Belagerungszu­stand über Bochum, der gleichzeitig ein nächtliches Ausgehverbot bedeutete. Noch am gleichen Abend kam es auf der Königsallee zu einer wilden Schießerei, wobei ein Jugendlicher ums Leben kam.Die Umgebung längs der Ruhrtalbahn zwischen Dahihausen und Winz galt als Sperrgebiet. Bei nächtlicher Überschreitung wurde mit Schießbefehl gedroht. Hier die amtliche Bekanntmachung vom 8. Mai 1923.

In den folgenden Januar­tagen 1923 rollte der franzö­sische Nachschub unaufhör­lich. 300 Offiziere und 3500 Mannschaften mit Panzer­wagen etablierten sich in der City. Die Drusenbergschule im Ehrenfeld wurde für 300 Soldaten zum Massenquar­tier, über 500 nächtigten in der benachbarten Oberreal­schule an der Königsallee. Immerhin waren bis Ende Mai sechs Tote bei Unruhen zu beklagen.

Während einer Verhaftungswelle gegen Verwaltungsdirektoren kam auch OB Fritz Graff hinter Gitter. In Weitmar verhandelte ein französisches Kriegsgericht gegen 90 Bürger, die Bochumer Karl Rojek und August Hopf wurden sogar zum Tode verurteilt, konnten sich aber vor der Vollstreckung noch rechtzeitig aus dem Staube machen. Gefängnisse befanden sich im Gemeindehaus an der Blumenfeldstraße und im alten Polizeirevier Wilhelmstraße. Die Ortspolizei wurde von den Franzosen aufgelöst, vorüber­gehend die Berufsfeuerwehr mit Polizeigewalt ausgestattet. Ein Blick in den Bochumer Norden zeigt, dass es in Hamme und Hofstedt buch­stäblich zappenduster war. Die Zufuhr von Stadtgas auf der Kokerei Hannover in Hordel wurde unterbro­chen — für den Hausbrand schleppten die Kumpel die Kohle per Aktentasche nach Hause. Passiven Widerstand der Bevölkerung gab es, als ein französischer Trupp bei einer Radfahrerkontrolle auf der Dorstener Straße kur­zerhand 100 „Drahtesel" beschlagnahmte. Schlecht stand es auch mit der Lebensmittelversorgung. Weil motorisierte Transport. "'` mittel fehlten, wurde die Milch für Kleinkinder teilweise mit der Straßenbahn herge­schafft. Im Hordeler Bier­stübchen an der Hannover­straße ließen die Soldaten beim Alkoholgelage jede Menge Bierkrüge mitgehen, die schließlich als Souvenir irgendwo in Frankreich lan­deten.

Damals ahnte niemand, dass sich Bochums Belagerung über zwei Jahre hinziehen sollte. Die Inflation von 1923 liegt noch wie ein grauer Spuk in Erinnerung. Erst als die Franzosen am 20. Juli 1925 abrückten, normalisierte sich die Lage.




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