27.08.2010 00:00 von Alfred Kalinowski †
In der Ausgabe der Apothekenzeitung "Apotheke aktuell" der Alpha-Apotheke Bochum, wurden über mehrere Jahre Geschichten von Alfred Kalinowski veröffentlicht. Diese Geschichten hatten immer einen Zeitbezug zu historischen Ereignisssen in Bochum. Auch im Gedenken an Alfred Kalinowski wollen wir, die Alpha-Apotheke Bochum, diese Geschichten aus unserem Archiv heraussuchen und wieder veröffentlichen:
Der 15. Januar 1923 ist ein historischer Meilenstein in der Bochumer Stadtchronik. Dabei ging es an jenem Tag vor 80 Jahren recht abenteuerlich zu, als französische Truppen in die Ruhrstadt einrückten. Der Groll ist längst geschwunden, aber die Erinnerung an jene Besatzungszeit mit Wirtschaftsflaute und Inflation lebt noch in manchem alten Bochumer fort. Der Grund für den Einmarsch war die Nichterfüllung der nach dem ersten Weltkrieg verhängten Reparationsleistungen gegenüber Belgien und Frankreich. Hier ging es vor allem um die Betreibung von Steinkohle und Koks.
Es war ein nasskalter Wintertag, als eine Vorhut französischer Kavellerie über die Kortumstraße in den Stadtkern vorrückte. Der französische General de France erschien um die Mittagszeit im Rathaus und
erklärte dem damaligen Oberbürgermeister
Fritz Graff den sofortigen
Belagerungszustand über Bochum, der gleichzeitig
ein nächtliches Ausgehverbot
bedeutete. Noch am gleichen Abend kam
es auf der Königsallee zu einer
wilden Schießerei, wobei ein
Jugendlicher ums Leben kam.
In den folgenden Januartagen 1923 rollte der französische Nachschub unaufhörlich. 300 Offiziere und 3500 Mannschaften mit Panzerwagen etablierten sich in der City. Die Drusenbergschule im Ehrenfeld wurde für 300 Soldaten zum Massenquartier, über 500 nächtigten in der benachbarten Oberrealschule an der Königsallee. Immerhin waren bis Ende Mai sechs Tote bei Unruhen zu beklagen.
Während einer Verhaftungswelle gegen Verwaltungsdirektoren kam auch OB Fritz Graff hinter Gitter. In Weitmar verhandelte ein französisches Kriegsgericht gegen 90 Bürger, die Bochumer Karl Rojek und August Hopf wurden sogar zum Tode verurteilt, konnten sich aber vor der Vollstreckung noch rechtzeitig aus dem Staube machen. Gefängnisse befanden sich im Gemeindehaus an der Blumenfeldstraße und im alten Polizeirevier Wilhelmstraße. Die Ortspolizei wurde von den Franzosen aufgelöst, vorübergehend die Berufsfeuerwehr mit Polizeigewalt ausgestattet. Ein Blick in den Bochumer Norden zeigt, dass es in Hamme und Hofstedt buchstäblich zappenduster war. Die Zufuhr von Stadtgas auf der Kokerei Hannover in Hordel wurde unterbrochen — für den Hausbrand schleppten die Kumpel die Kohle per Aktentasche nach Hause. Passiven Widerstand der Bevölkerung gab es, als ein französischer Trupp bei einer Radfahrerkontrolle auf der Dorstener Straße kurzerhand 100 „Drahtesel" beschlagnahmte. Schlecht stand es auch mit der Lebensmittelversorgung. Weil motorisierte Transport. "'` mittel fehlten, wurde die Milch für Kleinkinder teilweise mit der Straßenbahn hergeschafft. Im Hordeler Bierstübchen an der Hannoverstraße ließen die Soldaten beim Alkoholgelage jede Menge Bierkrüge mitgehen, die schließlich als Souvenir irgendwo in Frankreich landeten.
Damals ahnte niemand, dass sich Bochums Belagerung über zwei Jahre hinziehen sollte. Die Inflation von 1923 liegt noch wie ein grauer Spuk in Erinnerung. Erst als die Franzosen am 20. Juli 1925 abrückten, normalisierte sich die Lage.
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